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Zeitung
7. April 2003, 02:08 |
Abschied
von der Globalisierung: Der Krieg im Irak markiert eine Zeitwende Der britisch-amerikanische Feldzug durch ein
Kerngebiet der arabischen Zivilisation markiert eine Zäsur in den
Beziehungen zwischen dem Okzident und den nichtwestlichen Kulturen, die
seit längerem in Vorbereitung ist. Im scheinbaren Zenit seiner Macht
leitet der amerikanische Hegemon, wie vor einem Jahrhundert die Briten,
den Anfang vom Ende der von ihm angestrebten Weltordnung ein. Von
Urs Schoettli Das
19. Jahrhundert war das Säkulum des britischen Imperialismus, das 20.
Jahrhundert wurde durch die zwei Weltkriege, die in massgeblichem Sinne
auch europäische Bürgerkriege waren, zum amerikanischen Zeitalter. Erst
wenige Jahre alt, kündigt sich das 21. Jahrhundert bereits machtvoll als
das Zeitalter der nichtwestlichen Zivilisationen an. Die dramatischen
Ereignisse der letzten Wochen scheinen den Kassandren Recht zu geben, die
schon seit längerem vor einem Krieg der Kulturen warnen. Gerade in düsteren
Zeiten gilt es jedoch, die Option einer lichteren Zukunft nicht aus den
Augen zu verlieren. Nur wer dem Fehler verfällt, das Abendland als den
Hort aller Kultur, aller Zivilisation, ja aller Menschlichkeit zu sehen,
wird sich vor dem neuen Zeitalter fürchten müssen. Gelingt es dem
Okzident, von seiner über ein Vierteljahrtausend gehegten Überheblichkeit
gegenüber nichtwestlichen Kulturen auf friedlichem Wege zu einer
ernsthaften Anerkennung der Gleichberechtigung aller Kulturen zu gelangen,
so kann es zu einer wechselseitig fruchtbaren Koexistenz kommen, wie sie
die Welt seit dem Anbruch des europäischen Kolonialismus nicht gekannt
hat. Zuversichtlich muss stimmen, dass alle grossen nichtwestlichen
Zivilisationen in ihrer Geschichte ihre Fähigkeit, den Okzident zu
respektieren und mit ihm zusammenzuleben, sofern er sich weder als Konquistador
noch als Kreuzritter gebärdet, unter Beweis gestellt haben. Der
Abschied vom Sahib Seine
monumentale, 1865 erschienene «Comprehensive History of India»
beschliesst Henry Beveridge mit folgendem Ausblick: «Sollte dereinst der
Tag kommen, dass Indien, als Folge der Entwicklung seiner Ressourcen
durch britisches Kapital und als Folge der Erziehung seiner Menschen durch
britische Philanthropie, seinen Platz wieder unter den Nationen als unabhängiger
Staat einnehmen kann, dann lässt sich nicht mehr und nicht weniger
feststellen, als dass die friedliche Beendung unseres indischen Imperiums
unserem Land mehr Ruhm einbringen wird als jedes andere historische Ereignis.»
Unverkennbar spiegelt sich in diesem Satz die Idee vom Empire als der «Bürde
des weissen Mannes» wider. Weit über Beveridge hinaus bis in unsere Tage
hinein hat sich dieses missionarische Selbstverständnis des weissen Sahib,
in der nichtwestlichen Welt zum Rechten zu sehen, zu halten vermocht - von
der Strafexpedition gegen die Boxer in China über die Harvardprofessoren,
die 1997/98 während der Asienkrise den Thailändern, den Indonesiern
und den Malaysiern die richtige Wirtschaftspolitik zu verordnen suchten,
bis zu den heutigen selbsternannten Architekten einer völligen Neuordnung
des Mittleren Ostens. Dabei schwang und schwingt auch weiterhin im
Hinterkopf die Vorstellung vom selbstlosen und edlen weissen Ritter mit,
der den rückständigen braunen, gelben und schwarzen Völkern nichts
anderes als das verdiente Glück bescheren will. Das
britische Empire hatte seinen Ursprung in einem privaten Unternehmen, der
East India Company. Es hatte mit kleinen Aussenposten, den sogenannten «factories»,
begonnen. Doch von Anfang an war der «Union Jack» mit dabei, und es
sollte nur kurze Zeit dauern, bis der friedliche Austausch von Gütern um
die gewaltsame Unterwerfung von Land und Leuten erweitert wurde. Auf den
Schlachtfeldern Bengalens stieg Robert Clive zum «orientalischen Napoleon»
auf. Europäische Rivalitäten drangen nach Asien vor, wo die Holländer
bereits die Portugiesen marginalisiert hatten und ihrerseits von den
Briten, die schliesslich mit den Franzosen ins Gehege gerieten, aus Indien
vertrieben wurden. Der masslose Hunger nach stets mehr Kolonien
markierte im 19. Jahrhundert die nahezu vollständige Aufteilung Afrikas
unter den europäischen Imperialisten. Selbst eine zweitklassige
nationalstaatliche Spätgeburt wie Belgien erhielt noch ihren Beuteanteil
auf dem Schwarzen Kontinent. Als die weissen Mächte gegen Ende des 19.
Jahrhunderts China ins Visier nahmen, hegten sie für das Reich der Mitte
ähnliche Pläne, wie sie bereits in Afrika in die machtpolitische Realität
umgesetzt worden waren. Wie tief das koloniale Denken und die
imperialistische Arroganz sich verankert hatten, liess sich noch 1945
feststellen, als die Holländer, die in Asien eines der brutalsten Ausbeuterregime
geführt hatten, nach der Vertreibung der Japaner aus Indonesien durch die
Amerikaner es als selbstverständlich ansahen, sogleich wieder als
Kolonialherren eingesetzt zu werden. Von
der Conquista in Mexiko und Peru über die Feldzüge nach Afghanistan und
in den Sudan bis zur Eroberung des indonesischen Inselreichs und zu den
Opiumkriegen in China, die Vorstösse der europäischen Kolonialmächte in
alle Ecken und Enden der Welt zeichneten sich durch eine merkwürdige
Kombination von Motiven und Rechtfertigungen aus. Auf der einen Seite
mussten die eigenen Besitzungen und Verflechtungen aus Sicherheitsgründen
stets weiter ausgeweitet werden. Das russisch-britische «great game» um
Afghanistan ist ein klassisches Beispiel. Auf der andern Seite ging es
darum, den «natives» die Errungenschaften der modernen Zivilisation zu
bringen und sie aus der Tyrannei von barbarischen Herrschern und rückständigen
Bräuchen zu befreien. Von zentraler Bedeutung war für die numerisch
stets stark unterlegenen weissen Imperialisten die Taktik des «Teile
und herrsche». In Indonesien banden die Holländer die chinesische
Diaspora an sich, indem sie ihr gegenüber der einheimischen Bevölkerung
wichtige materielle Privilegien verliehen. Besonders talentierte Meister
des «divide et impera» waren die Briten. Die Welt leidet vom Mittleren
Osten über den indischen Subkontinent bis nach Sri Lanka noch heute
unter diesem Erbe. Das
Ende einer Weltordnung Woran
wird die Pax Americana scheitern? Zwei Faktoren, die aus dem Untergang von
früheren unilateralen Weltordnungen bekannt sind, stehen im Vordergrund:
die Masslosigkeit des Machthungers und die unendliche Komplexität der
Welt. Das Argument, dass eine so hoch entwickelte Gesellschaft wie die
amerikanische eigentlich die Fähigkeit haben sollte, aus den
offenkundigen Fehlern zu lernen, die den Sturz früherer Weltmächte
verursachten, zielt an der wahren Natur des Sachverhalts vorbei. Das Streben
nach Allmacht, nach Hegemonie hat eine Eigengesetzlichkeit, die sich dem
vernünftigsten Planen entzieht. Es gleicht einem krebsartigen Geschwür,
das sich auf einem Organismus ausbreitet und letztlich mit dessen
Absterben selbst dem Untergang geweiht ist. Immer neue, echte oder
eingebildete Sicherheitsbedürfnisse kommen hinzu, die es nötig werden
lassen, über das bereits Erreichte, das bereits Eroberte hinauszugreifen.
Indien war gross genug, doch der British Raj strebte nach Afghanistan,
Burma und Tibet, stets im Bestreben, für seine Besitzungen ein Glacis der
militärischen Sicherheit zu schaffen. In
einer Welt, deren begrenzte Ressourcen von einer unablässig wachsenden
Milliardenbevölkerung beansprucht werden, kann auch die grösste
Supermacht ihren Willen nicht mehr allein und vor allem nicht auf globaler
Ebene durchsetzen. Die militärische, ökonomische und politische Logistik
eines solchen Vorhabens müsste zwangsläufig in der völligen Überforderung
enden. Wie dies abläuft, davon hat die Welt im Gefolge des Terrorangriffs
vom 11. September 2001 einen Vorgeschmack bekommen. Die Solidarität und
die Sympathie gegenüber den USA waren nach den feigen Attacken auf New
York und Washington beispiellos. Es waren dies nicht nur flüchtige
Emotionen, es stand dahinter auch viel Bewunderung für die
amerikanischen Werte, die nun so offensichtlich durch die Emissäre des
schlechthin Bösen bedroht wurden. Insbesondere in einer Welt, die seit
dem Verschwinden der Sowjetunion vom Duopol der Abschreckung befreit war,
war es die sogenannte «soft power», die Freiheit und Mobilität, der
amerikanischen Gesellschaft, welche die Menschen in Amerikas Bann zog.
All dies hat sich innert eineinhalb Jahren ins Gegenteil verkehrt. Der
Hegemon hat auf die «hard power», im Ausland auf die Militärmacht, im
Innern auf die Polizeimacht, gesetzt und ist damit in die Falle getappt,
welche al-Kaida zum Zwecke der «Demaskierung des US-Imperialismus» gestellt
hatte. Mit
der Hegemonie der USA wird endgültig die rund zweihundertjährige
Vormacht des Okzidents zu ihrem Ende kommen. Es lässt sich keine andere
westliche Macht ausmachen, die dereinst in Washingtons Fussstapfen
treten könnte. Der offene Bruch zwischen den westlichen Alliierten in
der Frage des Kriegs im Irak sollte auch nicht zur Annahme verführen,
dass Kriegsgegner wie Frankreich und Deutschland bei der Entwicklung
einer neuen internationalen Ordnung auf einen Sympathiebonus in der
nichtwestlichen Welt werden zählen können. Insbesondere Paris dürfte
sich durch seine Kriegsgegnerschaft bloss rasch vergänglichen Beifall
geholt haben. Seine interventionistische Politik in Afrika, wo es sich
gerne als Hegemon im Taschenformat aufführt, nährt ein weit verbreitetes
Misstrauen über die wahren Absichten der französischen Aussenpolitik. Dem
Irak-Krieg zum Opfer gefallen sind die aussenpolitische Kompetenz und das
internationale Ansehen der Europäischen Union. Die EU hätte eigentlich
die Voraussetzung, dank ihrer inneren Vielfalt eine Alternative zum
klassischen nationalstaatlichen Hegemonen zu sein. Sie hat diese Chance
verpasst, indem es ihr nicht gelungen ist, eine gemeinsame Aussen- und
Sicherheitspolitik zu entwickeln. In den Kapitalen Asiens ist seit der
europäischen Zerstrittenheit über den Irak-Krieg der Gesichts- und
Ansehensverlust der EU enorm. Auch angesichts der durch die Neubeitritte
noch gewachsenen Komplexität der Organisation rechnet niemand mehr
damit, dass die EU in absehbarer Zukunft auf der internationalen Bühne
ein ernst zu nehmender Akteur sein können wird. Auch
wenn in den kommenden Monaten und Jahren intensiv daran gearbeitet werden
wird, den durch den Irak-Krieg an den bestehenden internationalen
Institutionen angerichteten Schaden zu beheben, so kann es kaum Zweifel
geben, dass ein Kollateralschaden der amerikanischen Hegemonie die seit
dem Zweiten Weltkrieg aufgebaute internationale Ordnung betreffen wird.
Im neuen Jahrhundert der nichtwestlichen Zivilisationen werden die
Institutionen, die unter dem massgeblichen Einfluss des Okzidents
aufgebaut worden sind, von Grund auf überholt oder gar durch völlig neue
ersetzt werden müssen. Es geht dabei zunächst um die Machtstrukturen
innerhalb der Vereinten Nationen. Mehr denn je ist in Frage zu stellen,
weshalb vier der fünf permanenten Sicherheitsratsmitglieder weisse
Nationen sein sollen. Insbesondere im Falle Grossbritanniens und
Frankreichs, Ländern von europäischem Mittelmass, geht es schlicht um
die Verhältnismässigkeit, wenn man bedenkt, dass aussereuropäische
Regionalmächte wie Indien, Japan und Brasilien mit dem Katzentisch
vorlieb nehmen müssen. Problematisiert werden muss aber auch die
Zusammensetzung der G-8, ebenfalls ein Organ, in welchem, von Japan
abgesehen, alle Mitglieder der weissen Welt angehören. Vor dem
Hintergrund des dramatischen wirtschaftlichen Strukturwandels, der in den
letzten zwei Jahrzehnten in China und Indien realisiert worden ist, muss
man sich fragen, nach welchen Kriterien die in der globalen Wirtschaft
in die Zweitrangigkeit abgestiegenen Länder Kanada, Italien,
Grossbritannien und Frankreich sich zur Crème de la Crème der
Wirtschaftsmächte zählen können. Rückkehr
des Nationalstaats Wenn
der Hegemon selbst, dessen Hätschelkind die Globalisierung einst war, den
absoluten Primat der Politik und der nationalstaatlichen
Interessenwahrung praktiziert, so wird sich diese Haltung wie ein
Lauffeuer durch die Welt ausbreiten. Zunächst wird man dies vor allem im
Mittleren Osten und in der islamischen Welt sehen. Weitere Herde eines
neuen nationalen Selbstbewusstseins werden folgen, vor allem auch in Ostasien,
wo Japan und China ohnehin nie wirklich vom jahrtausendealten Selbstverständnis
der kulturellen Einzigartigkeit Abschied genommen haben. Möglicherweise
wird Europa, so es ein Mindestmass an Konsens innerhalb der EU zu
bewahren vermag, dieser neuen Welle des nationalstaatlichen
Partikularismus entgehen können, auch wenn derzeit nicht abzusehen ist,
wie sich die auch in der Öffentlichkeit spürbaren national geprägten
Vorurteile und Ressentiments so rasch beheben lassen werden. Das 21. Jahrhundert
hat mit dem amerikanisch-britischen Einmarsch im Irak die Wiedergeburt des
Primats des Nationalstaates erlebt. Es ist auch diese Rückkehr zum
nationalstaatlichen Denken, welche den Anbruch des nichtwestlichen
Zeitalters vorantreiben wird. Wo die Nation wieder im Zentrum steht, da müssen
individuelle Ansprüche auf Komfort und Bequemlichkeit hintanstehen, und
es scheint zumindest wahrscheinlich, dass ein durch lange Jahrzehnte des
Wohlstands verweichlichter Okzident diese Umpolung nicht so effizient
wird meistern können wie nichtwestliche Zivilisationen, die erst an der
Schwelle zur Wohlstandsgesellschaft stehen oder die, wie im Falle Japans,
schon immer die Sparsamkeit hochgehalten haben. Urs Schoettli ist NZZ-Korrespondent in Peking und Tokio |
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Flüchtlinge Odyssee ins Paradies Afrikaner fliehen nach Europa: Eine junge Frau verlässt Nigeria, wandert wochenlang durch die Sahara, steigt in das Schlauchboot eines Schleusers und setzt nach Spanien über. Die Geschichte einer qualvollen Reise Bei Migration mögen wir zwar den
Eindruck haben, dass sie mit Verlust und Selbstverleugnung verbunden ist.
Doch Migration ist etwas ausgesprochen Heroisches: Man nimmt sein
Schicksal in die eigene Hand.
Da hat Pat gepackt. Eine Liste mit Telefonnummern, eine frische Bluse, Unterwäsche, eine Hose und einen 20-Euro-Schein, alles in eine Plastiktüte und braunes Klebeband darum, gegen das Wasser. Das Päckchen liegt jetzt auf ihrem Bett, neben ihrer Bibel und ihrem Mobiltelefon, in einer kleinen Pension in der Altstadt von Tanger. Oft, wenn sie ihr Bündel anschaut, dann kribbelt es in ihrem Bauch vor lauter Freude. Patricia Omorigie (Name geändert) aus Nigeria möchte nach Deutschland; im Juli setzte sie nach Spanien über. Natürlich fürchtet sie sich vor dem Wasser. Sie kann nicht schwimmen. Sie kennt viele, die ertrunken sind. Aber sie kann nur diese Route bezahlen, die Fahrt über die Straße von Gibraltar. Und sie will endlich ankommen in Europa, sie will zu ihrem Bruder nach Stuttgart. Seit zwei Jahren ist Pat unterwegs. „Mein Leben liegt in Gottes Hand“, sagt sie. Morgens kniet sie vor ihrem Bett und betet, zusammen mit Charles, ihrem Freund. Sie kommt aus einer ehrbaren Familie, ihr Großvater war Richter, doch jetzt ist sie umgeben von Kriminellen, Mördern, Erpressern, Mädchenhändlern. Pat ist auf diese Typen angewiesen, aber sie verachtet sie. Sie betet. Die Odyssee von Patricia Omorigie, 27 Jahre alt, begann im Januar 2001. Zweimal wurde sie verraten, einmal ist sie fast verdurstet, sie wurde festgenommen, sie hat sich den Fuß gebrochen. „This road is bloody“, sagt Pat, diese Route ist durchtränkt mit Blut. Sie kennt Nigerianer, die von anderen Nigerianern gefoltert wurden, weil sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten. Eine ihrer Freundinnen wurde vor einem halben Jahr entführt, 7000 Euro sollen ihre Eltern für sie zahlen. Pat sagt: „Früher war ich entspannter. Freier. Früher musste ich mir nie Sorgen darüber machen, wo ich schlafe oder was ich esse. Früher haben Charles und ich uns nie gestritten. Jetzt streiten wir uns oft. Dieses Leben in Marokko ist kein Leben.“ Pat hat kurze Haare, in die sie Kunsthaare flicht, mal lange, schwarze, gewellte, dann kurze, glatte, bronzefarbene. In Lagos besaß sie ein Friseurgeschäft, es ähnelte aber mehr einer Bretterbude, in einer langen Reihe von anderen Friseurbretterbuden. Sie ist das fünfte von neun Kindern eines Lehrers und einer Gemüsehändlerin, sie ging nur zwei Jahre zur Schule, dann starb ihr Vater, und ihre Mutter hatte einen Unfall, sie musste im Haushalt helfen. Pat lacht viel, dann sieht man eine Zahnlücke. Sie ist groß und rundlich, sie sagt: „Wenn ich nach Europa komme, möchte ich abnehmen.“ Manchmal denkt Pat, dass sie einen Fehler gemacht hat. Dass sie nicht hier sein sollte. Dann sehnt sie sich zurück nach Lagos, in ihren Laden, zu ihrer Familie, in die chaotische Ereignislosigkeit ihres Alltags. Doch nicht lange, und sie erliegt wieder dem Sog, der von Europa ausgeht. Sie hat ein Ideal: Sie will eine gute Tochter sein. Sie will einmal für ihre Mutter sorgen. Als ein Niemand ist sie aufgebrochen, sie würde es sich nicht verzeihen, mit leeren Händen umzukehren. Sie weiß, wie viele es vor ihr geschafft haben, alle daheim wissen das. „Würde ich abgeschoben, ich würde es auf jeden Fall noch einmal versuchen“, meint Pat. Sie soll sich bereithalten, hat Bright gesagt. Ihm hat sie die 1000 Euro gegeben, die kürzlich ihr Onkel aus New York geschickt hat. Bright ist einer der patrons von Tanger, die Nigerianer sagen auch: ein connection-man. Einer der Herren, die über die illegale Route wachen. Mit Frauen handelt er, vielleicht auch mit Drogen, vor allem aber mit nächtlichen Schlauchbootfahrten übers Meer. Bright hat ihr einmal geholfen, als sie kein Geld hatte, darum hat Pat sich für ihn entschieden. Mehr als ein Dutzend nigerianischer patrons gibt es in Tanger. Pedro heißt der wichtigste, Sato hat angeblich noch nie ein Boot verloren, Utchi hingegen mehrere, zuletzt im Februar, eines mit 40 Erwachsenen und 4 Kindern an Bord. Ehe sie ertranken, sendeten die Passagiere Notrufe mit ihren Handys, riefen an in Tanger und jammerten, dass sie beschossen würden. Die Gerüchte blühen, aber niemand weiß, was wirklich geschehen ist in jener Nacht. Verliert ein patron ein Boot, ist das ein herber Verlust, vor allem finanziell. Allein jede der künftigen Prostituierten an Bord ist mindestens 5000 Euro wert. Aber die Chancen sinken, dass die Mädchen Europa erreichen. Immer strenger wird die Meerenge überwacht, immer öfter nimmt Spanien die Migranten gleich vom Strand weg in Abschiebehaft. Die Route über Tanger wird langsam unrentabel. Seit 15 Jahren legen dort nachts die Boote ab. Im November 1988 sank das erste, 23 Personen starben. Seither sind rund 4000 Menschen in der Meerenge ertrunken, so jedenfalls lautet die offizielle Zahl, es könnten auch doppelt so viele sein. Etliche zehntausend wurden von Spanien abgeschoben, vor allem Marokkaner, viele hunderttausend haben es geschafft und leben heute in Europa. Anfangs war es eine marokkanische Mafia, die Schwarze aus ganz Afrika in wackeligen Holzbooten transportierte. Mit der Zeit übernahmen Nigerianer einen Großteil des Geschäfts, man stieg um auf riesige schwarze Schlauchboote, für 40, 50 Passagiere. Migranten aus Ghana, dem Senegal oder Kamerun sah man immer seltener in Tanger. Sie wichen aus auf andere Routen. Über Tarfaya auf die Kanarischen Inseln, von Tunis nach Lampedusa. Dafür kamen immer mehr Nigerianer: Victor, ein Autoschlosser, dessen Werkstatt schlecht lief; Vincent, der fünf Jahre studierte, keinen Job fand und nun nach „grüneren Weiden“ sucht; Steven, der das Auto seines Vaters verkaufte, um die Reise zu bezahlen; Stanley, ein Soldat, der desertierte; Efosa, der nicht weiterkam als Kunstschnitzer; Liliane, die es zum zweiten Mal versucht, obwohl sie in Aachen ein halbes Jahr im Abschiebeknast saß; Osas, der beweisen will, dass er ein Mann ist; Matthew, der Dealer war und wieder Dealer werden will; Godfrey, der Autofahrer überfiel und floh, als die Polizei seine halbe Gang erschoss; Osatu, die von zu Hause ausgerissen ist; Derek, ein Ingenieur mit höflichen Manieren. Sie alle kommen aus Nigeria. Sie alle stammen aus der gleichen Gegend. Aus Edo-State, aus dem Süden des Landes, aus Benin City und Umgebung. Pat kommt daher, Charles auch, genau wie Bright, ihr patron. Noch immer glauben viele, dass es vor allem Armut ist, die Menschen aus ihrer Heimat fortziehen lässt. Doch Migration hat viele Gründe, und Armut ist nicht der wichtigste. Entscheidend sind Netzwerke, Informationen, Kontakte. Kein Mensch zieht einfach los ins Blaue, es zieht ihn dorthin, wo Nachbarn, Freunde, Geschwister von ihm hingegangen sind. Migranten suchen Sicherheit. Und meist sind es die relativ Bessergestellten, die sich entschließen auszuwandern. Sicher sind Arme an Bord der Schlauchboote, aber auch viele andere: Ehrgeizige und Abenteurer, Skrupellose und Listige, junge Handwerker und arbeitslose Akademiker. „In Benin City gibt es keine Straße, aus der nicht jemand kommt, der jetzt upstairs ist“, sagt Pat. Upstairs. Oben. In Europa. *** Es ist April, es ist Samstagmorgen. Pat kocht, in einer kleinen Nische neben der Dachterrasse, sie summt ein Lied. Sie gießt Öl in einen verbeulten Aluminiumtopf, schneidet Zwiebeln und Tomaten hinein, gibt Erbsen, Tomatenmark, Knochen, Innereien und viel Pfeffer dazu und lässt das Ganze köcheln. Später wird sie es mit einer Art Kartoffelbrei aus Maismehl servieren. Banku heißt das Gericht. Das isst sie täglich, genau wie all die anderen. Eine Portion mittags, eine abends. Wer länger in Marokko war, hasst dieses Essen. Das Lied, das Pat summt, handelt davon. Es ist die Hymne der Auswanderer. „On my way to Calamocarro, in the last assembly, we were singing: No more banku, no more salem aleikum, on my way to España – Victoria hehehe, Victoria he, Victoria hehehe, Victoria he.“ Auf meinem Weg nach Calamocarro… So hieß das Aufnahmelager in der spanischen Enklave Ceuta, die jetzt von der EU mit einem 150 Millionen Euro teuren Zaun gegen Einwanderer abgedichtet ist. Salem-aleikum-Machen, das heißt: vor den Moscheen betteln, den verhassten Muslimen die leere Hand entgegenstrecken, um sich ein, zwei Euro für das Abendessen zu verdienen. Nie wieder Banku, nie wieder betteln. Auf dem Weg nach Spanien, Ankunft und Sieg. Wenn es so einfach wäre. Wenn Pat sich umdreht in ihrer Kochnische, kann sie Europa sehen. An manchen Tagen verschwimmt die Küste wie ein Phantasma, doch heute wirkt sie schmerzhaft nah. Als könnte man hinüberspucken, hinüberspringen, hinschwimmen. Man kann ein Dorf erkennen und einen Leuchtturm. Die Pension heißt Amar, sie gilt als sicher, denn sie gehört einem hohen Beamten, seit langem gab es keine Razzia. Darum treffen sich auf der Dachterrasse manchmal die patrons. An diesem Morgen ist Bright gekommen. Er steht im Schatten, er redet nicht viel, er schüttelt keine Hände, er geht nicht selbst ans Handy, er schreit nicht. Das alles macht ein kleiner, aufgeregter Kerl mit Goldrandbrille für ihn. Bright kann nicht zurück nach Benin City, die Verwandten der im Meer Ertrunkenen wären ihm auf den Fersen. Er trägt ein frisches Hemd und eine Lederjacke, sein Bart ist sorgfältig gestutzt. Er sieht nicht vulgär aus, er ist stolz, er ist vorsichtig, er würde nie mit einem Weißen reden. Einige der Mädchen, die auf der Dachterrasse Wäsche aufhängen, gehören ihm, bald wird er sie weiterverkaufen. Sie sind jung, sie sind schön, sie sind sehr schüchtern, sie werden in Europa als Prostituierte arbeiten. Sie haben Verträge unterschrieben, die sie verpflichten, 20000 oder sogar 50000 Euro zu zahlen, an ihren späteren Besitzer in Europa. Die Mädchen wissen, was sie erwartet. Sollten sie eines Tages ihren Schuldendienst einstellen, man würde ihre Familie terrorisieren oder ihr Blut, ihre Schamhaare und ihre Fotos zu einem Voodoo-Zauberer bringen; die Mädchen fürchten sich davor. Vielleicht haben sie schon vorher als Prostituierte gearbeitet, vielleicht haben ihre Eltern sie verkauft. Vielleicht träumen sie vom schnellen Reichtum, vielleicht sind sie auf dem Weg nach Norden in die Abhängigkeit eines patron geraten, als ihnen das Geld ausging. Jetzt werden sie gehandelt wie eine Ware. „Sie kommen aus armen Familien“, sagt Pat, „man merkt es daran, wie sie reden.“ Pat lebt seit Monaten mit ihnen zusammen, aber ihre Geschichten kennt sie nicht. Sie würde auch niemals danach fragen. Gewiss, man hilft sich, man hält zusammen gegen die Marokkaner, man teilt das Essen mit denen, die gerade kein Geld haben. Aber keiner gibt etwas von sich preis. Unten, in den gekachelten Zimmern der Pension, flechten die Mädchen einander die Haare. Ein Mann liest den ganzen Tag in der Bibel, ein junger Pastor spielt Karten mit seinen Zimmernachbarn, irgendwo schreien sich zwei an, dann wird die Musikkassette gewechselt, von Tupac Shakur zu Bob Marley, von Bob Marley zu Tupac Shakur. Alle hier haben ein Handy. Alle warten. Auf einen Anruf, auf frisches Geld, auf Windstille. Pat sitzt auf ihrem Bett. Mit der Zeit hat sich ihr Zimmer in eine Art Krämerladen verwandelt. Sie verkauft Weißwein, Bier und Zigaretten, Haschisch, Fischpasteten und Banku. Pat notiert jeden Umsatz in ein Schulheft, kürzlich hat sie ihrer Mutter 50 Euro geschickt. Am meisten verdient sie an zwei Cremes, an Civil Clear und TCB. Die erste soll schwarze Haut heller machen, die zweite krauses Haar glatter. Wer kann, leistet sich diese Cremes. Wer kann, macht sich ein wenig weißer. Abends gibt einer der Männer ein Konzert. Wüstensongs singt er, Lieder von den Jeeps und Lastwagen, auf denen die Schwarzen die Sahara durchqueren, Lieder gegen die Geister, die Hitze und den Durst. Nicht lange, da tanzt ein halbes Dutzend Frauen zwischen den Betten, andere trommeln auf Bierbüchsen oder singen im Chor. Pat wirkt glücklich an diesem Abend. Neben ihr sitzt Charles. Beide strahlen. Noch haben sie es keinem erzählt. Pat ist schwanger geworden in diesen Tagen *** Im Grunde begann ihre Reise an jenem heißen Tag, an dem sie sich frühmorgens vor dem deutschen Konsulat in Lagos anstellte, die Einladung ihres Bruders in der Hand – und ihr Gesuch um ein Visum abgewiesen wurde. Bald fand ihr Bruder einen anderen Weg, sie nach Deutschland zu holen: Pat sollte mit einem gefälschten Visum von der Elfenbeinküste nach London fliegen. Am 4. Januar 2001 bestieg sie den Bus in Nigeria, ihre Mutter weinte beim Abschied, aber Pat machte sich keine Sorgen. Ihre Reise würde kurz und sicher sein.
4000 Euro hatte Pat verloren. Es gab nur eine Möglichkeit – sie und Charles mussten den gefährlichen Landweg nehmen. Von Mali nach Marokko, quer durch die algerische Sahara. Zwei Jeeps, 40 Passagiere, nachts fahren, tagsüber ein Versteck suchen, vor der Sonne und den Helikoptern. Eines Morgens fuhren die Jeeps davon, als es Abend wurde, kamen sie nicht wieder. Die Reisenden saßen fest, mitten im Nichts, verloren im Erg Chech. Zu acht sind sie dann losgelaufen, nachts, auf einen fernen Lichtschein zu. Sie fanden leere Kanister, stießen auf eine Viehtränke, trafen Reisende, die ihnen Brot gaben. 20 Nächte sind sie gewandert, Pat hatte blutige Füße, Charles stützte sie, so erreichten sie schließlich Reggane, ein Dorf im hintersten Winkel Algeriens. Pat könnte vom Durst reden. Von ihrer harten Kehle, von ihrer geschwollenen Zunge, vom ekligen Geschmack im Mund, vom rasselnden Husten. Aber so spricht sie nicht. Sie sagt schlicht: „Das war das Schlimmste, was ich je erlebt habe. Ich dachte, ich muss sterben.“ „Eines Tages werden wir unseren Kindern erzählen, was wir alles durchgemacht haben“, sagt Charles. Die Reise ging weiter. Die Grenze nach Marokko überquerten sie zu Fuß, bis Tanger wurden sie in Lastwagen gebracht. Pat hätte ein Schlauchboot nehmen können, aber ihr Bruder in Deutschland hatte Probleme, der Geldfluss versiegte, wieder saß Pat fest. Zu stolz, um umzukehren, vorerst ohne jede Chance, weiterzureisen. Ein halbes Jahr war Pat in Tanger, da wurde sie verhaftet. Lange Jahre hat Marokko die Afrikaner einfach durchziehen lassen, doch auf Bitten, Drängen und Drohen der EU wirkt auch die Regierung in Rabat inzwischen mit bei der Verteidigung der Festung Europa. Aber wie planlos, wie dilettantisch! Auf Straßen, in Wäldern und Pensionen fangen die Gendarmen die Schwarzen und bringen sie zurück an die algerische Grenze, die seit Jahren geschlossen ist. Im Niemandsland zwischen Oujdah und Maghnia werden die Afrikaner dann aus dem Bus gestoßen. Run! Run!, rufen die Marokkaner und heben ihre Gewehre, lauft dahin, wo ihr hergekommen seid! Pat ist gelaufen. Die Frauen wussten, was sie nun erwartet, sie wollten es um jeden Preis vermeiden. Sie warfen ihre künstlichen Haarteile weg, sie wälzten sich im Dreck, sie ließen sich die schäbigsten und stinkendsten Kleider von den Jungen geben und sanken stöhnend zu Boden, als die algerischen Soldaten sie in Empfang nahmen. Als wären sie krank. Denn jene Soldaten sind bekannt dafür, dass sie die schwarzen Frauen vergewaltigen, bevor sie sie nach Marokko zurückschicken. Pat wurde nicht angerührt. Die Maskerade wirkte. 100 Dollar kostete die Fahrt zurück nach Tanger, nachts in einem geschlossenen Lastwagen. Dort angekommen, geschah bald ein weiteres Debakel. Pat brach sich den Fuß. Es passierte, als sie eines Nachts der Polizei davonlief, als sie von der Dachterrasse aufs Nachbarhaus springen wollte. Im Krankenhaus bekam sie einen Gips und zwei Krücken, aber der Bruch ist nicht richtig verheilt. Bis heute benutzt sie die Krücken. Einerseits, weil das eine perfekte Tarnung ist und sie vor weiteren Abschiebungen schützt. Andererseits, weil ihr Fuß bis heute wehtut. So verrinnt die Zeit, so vergehen immergleiche Tage. Warten, Geld verdienen, warten. Einmal ruft Bright an. „Halt dich bereit“, sagt er, „du wirst gleich abgeholt.“ Aufgeregt sitzt Pat auf ihrem Bett, den ganzen Abend lang, das gepackte Bündel auf dem Schoß. Doch nichts passiert. Am nächsten Morgen erfährt sie, dass die Küstenwache nicht bestochen werden konnte. Kürzlich sind in Casablanca zwei Bomben explodiert, die marokkanischen Behörden sind wachsamer denn je. In der Straße von Gibraltar kreuzen Schlachtschiffe. Die Operation Odysseus ist angelaufen, mit der sich Europa vor Schmugglern und Terroristen schützen will. Pat packt ihr Bündel wieder unters Bett. Sie spürt jetzt deutlich, dass sie schwanger ist. Oft fühlt sie sich kraftlos und müde, sie friert, obwohl der Juni heiße Tage bringt. Morgens schlägt sie ein rohes Ei in eine Tasse, verrührt es mit Milchpulver und Wasser und trinkt es. Das soll ihr Kraft geben. *** Die Wochen vergehen. Lange ist nichts von Pat zu hören. Aber eines Tages ruft sie an. Die Leitung rauscht und knackt, man kann sie kaum verstehen. „Ich bin in Spanien!“, ruft sie, „in Malaga, im Abschiebeknast… Cappuccino… 877.“ Der Rest ist vollends unverständlich. Das Gespräch bricht ab. Was ist geschehen? Zwei Tage später, in Malaga, steht ein Dutzend schwarzer Männer vor der alten Garnison von Capuchinos, heute umfunktioniert zu einem Abschiebegefängnis. Jeden Abend von sechs bis acht kann man die Häftlinge besuchen. „Nummer 877?“ Der Polizist blättert in einer Liste. „Patricia Chas.“ Offenbar hat sie einen falschen Namen angegeben. Der Mann schaut auf. „Sie ist nicht hier. Sie ist im Krankenhaus.“ Er blickt einen Kollegen an, der neben ihm steht. Der nickt. Der Polizist schreibt einen Zettel und reicht ihn herüber. „Hospital Materno Infantil“ steht darauf. Die gynäkologische Klinik. Es ist ein lang gestreckter Neubau, mit dem Taxi sind es keine zehn Minuten. „Patricia Chas“ liegt im siebten Stock. Die Besuchszeit ist abgelaufen, aber die Schwestern auf der Station scheinen froh, dass jemand die unbekannte Schwarze besuchen will. „Sprechen Sie mit ihr“, sagt eine der Frauen, „sie hatte heute Nacht eine Fehlgeburt. Wir wissen nicht, was los ist. Mit uns redet sie nicht.“ Pat liegt in einem weißen Nachthemd zwischen weißen Laken. Sie ist wach, aber in sich versunken, sie wirkt müde und verbittert. Sie schaut auf. Sie freut sich. Ihre Stimme ist schwach. „Wenn ich wenigstens das Baby bekommen hätte“, sagt sie später. „Ich wollte es so sehr. Es wäre hier geboren worden, ein spanisches Baby. Charles wollte es noch mehr als ich. Wenn wenigstens das geklappt hätte! Jetzt ist alles umsonst gewesen. Nichts ist mir gelungen in den letzten beiden Jahren.“ Draußen wird es dunkel, aber Pat schaltet das Licht nicht an. „Ich kann nicht zurück“, sagt sie. „Was soll ich in Nigeria? Wieder in meinem kleinen Laden sitzen? Meine Mutter um Geld bitten? In meinem Alter? Wovon soll ich leben? Ich weiß nicht mal, ob es den Laden noch gibt. Wenn ich abgeschoben werde, dann bleibe ich in Lagos. Ich fahre nicht nach Hause, nicht so, ohne Geld, in diesen alten Kleidern.“ Und dann erzählt sie. Drei Wochen ist es her, als Bright plötzlich anrief. Dieses Mal war es kein falscher Alarm. In einem geschlossenen Lkw brachte man sie und die anderen aus der Stadt, dann sind sie mehrere Stunden lang durch einen Wald gelaufen, zu einem Strand. Aber da war kein Boot. Nicht in dieser, nicht in der nächsten Nacht. Eine Woche warteten sie im Wald, es gab keine Decken und selten etwas zu essen. Dann tauchte das Schlauchboot plötzlich auf, und plötzlich war auch Bright da, vornehm wie immer. Er schärfte ihnen ein: Ihr kommt aus Ghana, hört ihr? Aus Ghana! Sie kletterten ins Boot, 40 Nigerianer und sieben Marokkaner. Fünf waren Schmuggler, mit Tüten voller Haschisch, dazu die beiden jungen Steuermänner. Sie legten ab. Das Meer schien ruhig. Es war drei Uhr nachts. Pats Vorfreude war verflogen. Jetzt kam die Angst. Sie fror. Sie betete. Gemeinsam mit den anderen sang sie, was immer an Chorälen ihr einfiel. Keiner sprach. Je näher sie Spanien kamen, desto stärker wurde der Seegang. Bald schwappten die ersten Wellen ins Boot. Irgendwann sagten die beiden Steuermänner: Es geht nicht. Wir müssen umkehren. Die Schwarzen protestierten. Einer wählte Brights Nummer. Bright rief, sie sollten weiterfahren! Wenn sie umkehrten, müssten sie die Fahrt noch einmal bezahlen. Die beiden Steuermänner fügten sich. Sie fuhren weiter. Inzwischen war es heller Tag. In riesigen Schleifen umkurvten sie die Frachter, die sich der Straße von Gibraltar näherten. Immer mehr Wasser schwappte ins Boot. Die Männer schaufelten es mit ihren Kappen hinaus, die Frauen wrangen ihre Pullover. Um ein Uhr mittags, nach zehn Stunden Fahrt, landeten sie schließlich in Spanien. Die Haschischschmuggler rannten als Erste davon. Die beiden Männer am Steuer zerstachen das Boot und liefen hinterher, gefolgt von den Afrikanern. Noch bis vor wenigen Jahren mussten nur die Marokkaner befürchten, wieder abgeschoben zu werden. Die Schwarzen hingegen warteten in aller Ruhe auf die Polizei. Doch seit Madrid und Lagos ein Abschiebeabkommen geschlossen haben, rennen auch die Nigerianer. Doch für Pat war die Küste zu steil. Sie war schwanger, sie war müde, ihr Fuß tat weh. Bald kam die Guardia Civil. Erst fing sie oben die meisten Männer, dann begannen die Beamten, die Frauen die Steilküste hinaufzuhieven. Das Rote Kreuz verteilte Getränke. Man fragte Pat, wer sie sei. Sie sagte: Pat Omomo aus Ghana. Bis hierher war alles nach Plan gelaufen. Aber dann geschah etwas, womit Pat nicht gerechnet hatte. In den vergangenen Monaten, das wusste sie, hatte Spanien viele Nigerianer vom Strand weg abgeschoben. Aber immer nur die Männer. Die Frauen ließ man einreisen. Doch jetzt, bei dieser Bootsladung, geschah genau das Gegenteil: Die Männer kamen nach wenigen Stunden frei, in der Hand die schriftliche Aufforderung, doch bitte bald wieder auszureisen. Die Frauen hingegen blieben eingesperrt. Man brachte sie ins Abschiebegefängnis nach Malaga. „Vielleicht weiß die Polizei, dass viele Frauen als Prostituierte arbeiten wollen“, sagt Pat. „Schlimm. Diese Kriminellen versperren die Route für die ehrlichen Leute!“ Fünf der Frauen, die mit Pat zusammen reisten, gehörten Bright. Nicht lange, da kam ein Mitarbeiter der nigerianischen Botschaft und interviewte Pat. Sie versuchte noch, ihr Englisch zu verstellen, sie sagte, dass sie aus Ghana stamme, lange in der Elfenbeinküste gelebt habe und geflohen sei, als dort der Bürgerkrieg ausbrach. Der Mann von der Botschaft nickte. Pat blieb in Haft. „Wie dumm von Bright, dass er uns nicht eher Bescheid gesagt hat, dass wir aus Ghana kommen sollen“, sagt Pat. „Wir hätten uns vorbereiten können. Welche Farbe die Taxis haben oder wie die Flagge aussieht.“ ***
Pat ist bleich geworden. Sie steht auf. Sie weiß, dass ihre letzte Chance beginnt. Sie schlüpft in ihre Latschen. Auf dem Fensterbrett steht eine Plastiktüte mit ihren Kleidern, aber die kann sie nicht anziehen, sie sind voll Blut. Sie hat nur das Nachthemd und die Schlappen. Im Erdgeschoss, von der gläsernen Cafeteria des Krankenhauses aus, kann man einen der Aufzüge sehen, aber es gibt vier. Davor sitzen zwei Krankenschwestern, um Besuchern den Weg zu weisen. Leute kommen und gehen. Eine Frau in einem gelben Kleid schreitet vorbei, ein Behälter aus Plexiglas wird aus dem Aufzug geschoben, ein Motorradpolizist durchquert die Vorhalle. Eine halbe Stunde vergeht. Zwei Frauen klappern über den Marmor, eine trägt einen Zettel in der Hand, beide strahlen. Ärzte kommen vorbei, eine zweite halbe Stunde vergeht. Eine dritte halbe Stunde vergeht. Dann klingelt das Telefon. Eine Frau murmelt Unverständliches ins Telefon. Dann spricht ein Mann und gibt eine Adresse durch. Es ist gleich um die Ecke, ein Telefonshop. Drinnen sitzt Pat, in ihrem weißen Nachthemd, auf einem kleinen Schemel. Sie strahlt. Sie kann sich kaum noch auf den Beinen halten. Sie lacht. Ihre Stimme ist noch leiser geworden. Sie ist ins unterste Stockwerk des Krankenhauses gefahren, wurde zurückgeschickt, ist wieder ins unterste Stockwerk gefahren und einfach gegangen, durch die Tür, über die Straße, immer geradeaus, bis sie den ersten Schwarzen traf. Der brachte sie hierher, in den Telefonshop. „Dieses ist der glücklichste Tag meines Leben“, murmelt Pat. Sie sitzt in einem Taxi, man hat ihr eine hellblaue Hose und ein weißes T-Shirt besorgt, sie hat eine Adresse, wo sie übernachten kann. „Ich bin so müde“, flüstert sie, „ich werde schlafen, ich bin so müde, ich bin so glücklich, so müde.“ Einige Tage hat Pat bei Nigerianern in
Malaga gewohnt, aber dann drängten die Typen, sie solle endlich Geld
verdienen, sie wisse schon, wie. Pat ging. Drei Nächte schlief sie im
Park, dann kaufte ihr jemand ein Busticket nach Madrid, dort fand sie eine
bessere Bleibe, bei einer Nigerianerin. Seither schlägt sie sich durch
mit Haareflechten. Sie hat einen Asylantrag gestellt und eine Duldung für
zwei Monate bekommen, nun hofft sie auf dauerhaftere Papiere. Hofft, dass
auch ihr Freund Charles bald die Überfahrt schafft, hofft auf einen Job
und dass sie bald nach Stuttgart reisen kann. Hofft, dass all ihre Mühen
nicht vergeblich waren und ihre Odyssee ein gutes Ende findet. Dieses
Jahr. Nächstes Jahr. Spätestens übernächstes. |
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